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Früher bin ich tanzen gegangen. Heute habe ich Fragen.

Früher bin ich tanzen gegangen. Heute habe ich Fragen.

Tanzen über 50: Die Lust ist noch da. Die Kondition hat Rückfragen. Und mein früheres Ich mischt auch noch mit.

Früher war die Entscheidung übersichtlich: Gutes Lied? Tanzen.
Heute hätte ich vorab gern ein paar Informationen.
Wie lange geht das Lied? Wie schnell ist es? Reicht meine Kondition dafür? Und sind meine Gelenke über das Vorhaben informiert?
Die wichtigste Frage natürlich: normale Version oder Extended Mix? Ich möchte wissen, worauf ich mich einlasse.

Im Kopf tanze ich noch

Die Lust aufs Tanzen ist jedenfalls nicht das Problem. Bei manchen EBM-Stücken möchte ich einfach loslegen – am liebsten genauso wie früher. Die Musik der Schwarzen Szene begleitet mich seit Jahrzehnten. Nur meine Kondition hat offenbar andere Pläne.
Leider orientiert sich meine Vorstellung von mir selbst an einer Ausgabe, deren Kondition nicht mehr ganz aktuell ist.
Ich würde gern wild tanzen. Gleichzeitig überlege ich, ob ich nach der Hälfte keuchend von der Tanzfläche müsste. Und ob ich dabei wenigstens so aussehen könnte, als hätte ich ohnehin gerade etwas anderes vor.
Kurz zur Bar. Ganz geordnet. Atmen wird ja wohl noch erlaubt sein.
Ich könnte natürlich auch weniger wild tanzen. Kleinere Bewegungen, ein bisschen zurückhaltender. Aber dann denke ich sofort: Jetzt sehe ich aus wie eine alternde Oma.
Zu wild ist riskant, zu lahm ist mir auch nicht recht. Offenbar hätte ich gern eine gelenkschonende Variante, die von außen nach früher aussieht. Bescheiden bin ich geblieben.
Ich bin über 50 und sollte mich einen Scheiß darum kümmern, was andere denken. Als hätte irgendwer meine frühere Kondition dokumentiert und wäre heute zum Abgleich erschienen.
Wahrscheinlich bin ich selbst die Einzige, die da so genau hinschaut. Bei anderen würde ich mir überhaupt keine Gedanken machen. Jemand hört mitten im Lied auf zu tanzen? Dann hat die Person eben genug getanzt.
Bei mir selbst denke ich: Wie jetzt, das war’s schon? Das ging früher doch auch.
Offenbar gelten für mich besondere Anforderungen. Eine Pause ist erlaubt, aber bitte so, dass sie keiner als solche erkennt. Vor allem ich selbst nicht.

Die Tanzfläche unsicher machen – bitte nur im übertragenen Sinn

Dazu kommt die Sorge, umzuknicken oder mir etwas zu verdrehen. Die hatte ich schon vor meinem erneuten Kreuzbandriss, und für mich hatte sie durchaus einen Grund.
Während ich das schreibe, war ich seit dem Unfall noch gar nicht wieder tanzen. Trotzdem überlege ich schon, wie das irgendwann wieder sein wird.
Was, wenn ich mich verletze? Und dann auch noch Aufmerksamkeit errege?
Ich möchte wegen eines guten Liedes auf die Tanzfläche. Dass sich anschließend mehrere Leute nach meinem Befinden erkundigen müssen, gehört nicht zum gewünschten Programm.
„Die Tanzfläche unsicher machen“ war schließlich mal eine Redewendung. Ich würde es gern dabei belassen.

Früher wollte ich, dass das Lied nie aufhört

Heute interessiert mich die Restlaufzeit.
Das ist schon eine Entwicklung, mit der ich so nicht gerechnet hatte. Die Musik gefällt mir noch genauso. Ich hätte nur gern die frühere Selbstverständlichkeit zurück. Dieses Lostanzen, ohne vorher mögliche Zwischenfälle und den eigenen Sauerstoffbedarf durchzurechnen.
Stattdessen stehe ich gedanklich am Rand der Tanzfläche und verhandle mit mir selbst.

Das nächste Lied vielleicht.

Erst mal hören, was kommt.

Oh, das ist gut.

Aber auch ziemlich schnell.

Mal sehen, was danach läuft.

So kann man sich einen ganzen Abend beschäftigen, ohne dass die Kondition überhaupt Gelegenheit bekommt, sich zu äußern.

Ich hätte gern weniger Fragen

Dass ich nicht mehr so fit bin wie früher, finde ich scheiße. Besonders bei etwas, das ich so gern mache. Noch lästiger ist allerdings mein eigener Anspruch, mir das möglichst nicht anmerken zu lassen.
Ich möchte Musik hören und tanzen. Daraus habe ich gedanklich eine Veranstaltung gemacht, bei der ich gleichzeitig meine Kondition prüfen und einen souveränen Eindruck hinterlassen soll.
Kein Wunder, dass ich schon vor dem ersten Lied eine Pause brauchen könnte.
Eine große Erkenntnis habe ich dazu noch nicht. Dafür einen erstaunlich umfangreichen Fragenkatalog für eine Tätigkeit, die früher mit „Oh, gutes Lied!“ ausreichend vorbereitet war.
Die Lust ist jedenfalls noch da.
Ich müsste nur wissen, ob das die zwölfminütige Version ist.

Kennt ihr das – alt genug, um euch nichts mehr beweisen zu müssen, und dann kommt euch ausgerechnet euer eigenes früheres Ich dazwischen? Diskutiert gerne auf Instagram mit mir @make.lanie.deko